Kinderkrippe, Kita oder Tagesmutter

Kinderkrippe, Kita oder zuhause? NICHD – Studie

Laut Gesetz haben Familien Anspruch auf eine gute Kinderkrippe oder Kita – aber…

… was ist gut?

Moin Mama! Ehe Ihr Kleinkind in eine Kinderkrippe, Kita oder zu einer Tagesmutter in die Fremdbetreuung kommt, bedenken und beachten Sie diese Empfehlungen – ein Überblick vorab für alle mit wenig Zeit:

  • Kindesalter: erst ab 3 Jahren – damit das Kind sich gut entwickelt und bindungsfähig wird;
  • Umfang: nur wenige Tage mit wenigen Stunden – damit das Kind nicht unter Dauerstress steht;
  • Kita-Qualität: Feste Bezugsperson, ausgebildetes Personal und wenige Kinder pro Gruppe, Stichwort: Betreuungsschlüssel.

Gute Kita – reicht das?

Vor inzwischen fast 10 Jahren wurde erstmals in den USA im Jahre 2011 eine groß angelegte Studie des National Institut of Child Health and Development (NICHD) über frühkindliche Betreuung außerhalb des Elternhauses initiiert. Dabei ging es um die langfristigen Auswirkungen der Fremdbetreuung auf die Entwicklung des Kindes bis zum Jugendalter. Teil der Studie waren zu Beginn im Jahre 1991 mehr als 1.300 Familien mit Babys, von denen 842 im Alter von 15 Jahren noch befragt werden konnten. Dr. Jay Belsky ist als verantwortlicher Psychologe ein viel zitierter und anerkannter Wissenschaftler mit Schwerpunkt u.a. in der Entwicklungspsychologie. Er veröffentlichte die Forschungsdaten dieser Auftragsstudie. Die Ergebnisse sollten beachtet werden, auch wenn sie im wissenschaftlichen Sinne mit <1000 Teilnehmern nicht als repräsentativ einzustufen sind.

Cortisol und Kinderkrippe – Was macht das Stresshormon in Kleinstkindern bei Fremdbetreuung?

Im deutschsprachigen Raum berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 19. Oktober 2011 im Artikel “Wo bleiben die guten Krippen?” zum Thema der Krippenbetreuung. Die Ergebnisse der obigen Studie waren nämlich auf einem Ärztekongress in Bielefeld veröffentlicht worden.

Martina Lenzen-Schulte fasst zusammen (ebd.): “Die Belastung der Kleinsten in der Frühbetreuung kann man messen. Auskunft gibt das Cortisol-Tagesprofil. Der Pegel des Stresshormons steigt bei Gesunden in einem charakteristischen Muster auf und ab. Bei 80 Prozent der Kinder in der Tagesbetreuung – sie erleben täglich neu den Wechsel von zu Hause zur Einrichtung – ist dieses Muster anhaltend verändert, der Spiegel steigt pathologisch bis zum Abend stetig an.

Dieser Stresseffekt kann durch gute Betreuungsqualität abgeschwächt, aber nicht aufgehoben werden. Es ist umso klarer nachzuweisen, je jünger die Kinder sind. Spuren dieser Belastung sind nicht nur Monate, sondern Jahre später auszumachen. Noch die Cortisollevel von Teenagern sind umso höher, je länger sie außerhalb der Familie betreut wurden.”

Kinderkrippe, Kita, Tagesmutter oder Zuhause – Was ist langfristig das Beste?

Ein halbes Jahr darauf hat der Arzt Dr. Rainer Böhm in der FAZ vom 4. April 2012 Stellung bezogen in seinem Beitrag “Die dunkle Seite der Kindheit” und interpretiert die Ergebnisse der Studie mit äußerst kritischem Blick auf Betreuung in vor allem Kinderkrippen. Mit Bezug zur Studie von Jay Belsky et.al. meint er, es “… konnte nachgewiesen werden, dass die Eltern-Kind-Bindung durch außerfamiliäre Betreuung nicht grundsätzlich negativ beeinflusst wird. Unzweifelhaft ist aber auch, dass sehr frühe und umfangreiche Betreuung von zweifelhafter Qualität mit erheblichen Risiken für das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind einhergeht” (FAZ 2012, S.7). Wer sich direkt informieren möchte, findet eine 7-seitige PDF von Dr. Böhm mit weiteren Literaturangaben zu Risiken der frühkindlichen Betreuung in Gruppen. Nun zurück zur Studie.

Es ging darin um die Altersgruppe von 3-54 Monate alten Klein(st)kindern. Böhm (ebd.) hält mit Blick auf die Ergebnisse der Studie fest, dass langfristig “[die] Betroffenen … umso mehr Schwierigkeiten im Verhalten [hatten], je länger sie als Kleinkind in einer Gruppeneinrichtung verbracht haben”. Sie zeigten das sogenannte ‘Problemverhalten’ als Jugendliche. Im übrigen spielte bei diesem Befund die Qualität der Kita / Krippe keine Rolle, sondern allein die lange Zeit in der fremdbetreuten Gruppe.

Problemverhalten als Jugendlicher trotz guter Kita?

Das heißt, eine sogenannte ‘gute Kita’ half nicht bei der Vorbeugung von späterem Problemverhalten. Böhm fasst weiter zusammen, dass überdurchschnittlich die “Langzeitbetreuten durch Alkoholkonsum, Diebstahl und Vandalismus” im Jugendalter auffielen. Entsprechend sei wiederholt für alle, die aktuell auf Kita-Suche sind: Wenn es denn unbedingt eine Fremdbetreuung sein soll, dann empfiehlt es sich, damit spät zu beginnen. Weiterhin sollten Sie Ihr Kind nur kurzzeitig und nur an wenigen Tagen die Woche abgeben. Und drittens ist eine kleine Gruppe mit fester Bezugsperson allen anderen Formen der Fremdbetreuung vorzuziehen. Dies wäre z.B. bei einer Tagesmutter der Fall.

Zu einer weniger kritischen, sondern eher positiven Sicht auf die Ergebnisse dieser Studie und damit die Rolle der Kitas bei der frühkindlichen Bildung – selbst von Kleinstkindern – kommt im deutschsprachigen Raum eine Online-Publikation. Lesen Sie mehr hier. Und auf dieser Seite finden sich unterschiedliche Ansichten wieder, wenn es um die Entscheidung für oder gegen eine Betreuung in der Kinderkrippe geht.

Zurück zur Bedeutung der festen Bezugsperson. Es meldete sich bei der vor mehr als sieben Jahren geführten öffentlichen Diskussion auch die bekannte Kinderärztin Gisela Kalz, die in der DDR praktizierte, in einem Leserbrief (FAZ, 13. April 2012) zu Wort: “Warum wurden die Beobachtungen aus dem ‘Großexperiment’ in der DDR, die verordnete Krippenbetreuung für alle, nicht ernst genommen?” Sie warnt aufgrund der bereits kurzfristig sichtbaren Auffälligkeiten, mit denen sie in ihrer Kinderarztpraxis konfrontiert war. So schilderten ihr besorgte Eltern wiederholt dieselben Phänomene bei ihren Kindern, die sie in die Krippe gegeben hatten, wie zum Beispiel “Rückzug, Schlafstörungen, Unruhe oder oppositionelles Verhalten bis hin zu ‘Aggressivität’ “.

Denn eine hohe Prozentzahl der Mütter der DDR war berufstätig, und viele gaben ihr Baby bereits mit 6 Wochen in die Krippe oder – wenn sie eine Art ‘Elternzeit’ in Anspruch genommen hatten – spätestens nach Ablauf eines Jahres. Üblich war darüber hinaus eine 8-Stunden-Betreuung. Gisela Kalz weist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung darauf hin, dass der “Erzieher-Kind-Schlüssel [in Deutschland] … teilweise sogar schlechter [sei als in der DDR und] …, der Umgang mit dem einzelnen Kind es oft auch [sei] (durch Erzieherauswahl und -belastung)”. Sie impliziert außerdem, dass Auffälligkeiten, die das Kind zeigt, nicht wegzuwischen seien und “bleibende Probleme” hervorrufen würden, die nicht wegdiskutiert werden könnten. Wer sich eingehender mit der Institutionalisierung der Kindheit in beiden Teilen Deutschlands beschäftigen möchte, findet eine PDF, relevant ab S.117.

Bindung, Trennung und Fremdbetreuung. Bewahrt eine gute Kita Kleinkinder vor Verlustängsten?

In der bereits zitierten Ausgabe der FAZ vom 13. April 2012 wird der Leserbrief einer weiteren Ärztin, Dr. Barbara Kaminski, veröffentlicht. Darin heißt es: “Fremdbetreuung liegt zwar aus verschiedensten Gründen im Trend. Dabei vergessen wir, dass das Kind in seiner gefühlten Hilflosikgeit umso mehr auf die verlässliche Anwesenheit der primären Bindungspersonen angewiesen ist, je jünger es ist. Überbeschäftigte Erzieherinnen verleugnen, bagatellisieren und verdrängen den Trennungsschmerz des Kindes und bewirken auf die Dauer die Unterdrückung des Affektausdrucks.” Dieses Votum fürs Wohlergehen des Kindes soll hier dem aktuellen Trend zur frühen Fremdbetreuung ein Gegengewicht geben.

Fremdbetreuung kann Kleinkinder in große seelische Not bringen, der sie noch nicht einmal richtig Ausdruck verleihen können. Eltern haben die einmalige Chance, sich hinter ihr Kind zu stellen und nicht die Augen zu verschließen, wenn es sich nach Einstieg in die Fremdbetreuung anders verhält als vorher. Ähnlicher Beitrag: Kinderbetreuer finden.

Vielleicht ist es dann an der Zeit, die Notbremse zu ziehen, wenige Lebensjahre zuhause mit dem kleinen Menschen zu verbringen und ihn einfach etwas später in eine Fremdbetreuung zu geben? Und wer zum Beispiel Ideen für eine gemeinsame Eltern-Kind-Zeit zuhause sucht, kann mit einer Liste schöner Kinderbücher anfangen, bekommt Ideen für Weihnachtsfilme oder DIY-Projekte.

Gute Kinderkrippen, gute Kitas, gute Tagesmütter können keine Mama, keinen Papa ersetzen. Mama und Papa sind die primären Bezugspersonen. Bindungsfähigkeit wird zuhause gefördert. Im Normalfall sinkt so der Cortisolspiegel im Laufe des Tages. So werden früh die Grundlagen gelegt, dass das Leben des Jugendlichen und später Erwachsenen gelingt.

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